Das erste Jahr von Andy Duke war auf der weltpolitischen Bühne ein ungewöhnliches Jahr. So hat mancher Workshop mit tagesaktuellen Themen begonnen, die die Teilnehmer sehr bewegten: Sei es der Brexit, die Wahl Donald Trumps oder der Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt. Mancher fragte sich, ob das Folgen eines Auseinanderdriftens unserer Gesellschaft in Gewinner und Verlierer, in Bewahrer und Veränderer, in Arme und Reiche ist? Es gibt ein interdisziplinäres Modell, anhand dessen solche komplexen Erscheinungen gut diskutierbar sind. Manches lässt sich damit auch erklären

Hätte Clare W. Graves 100 Jahre früher gelebt, dann würde sich Oscar Wilds Satz „Die Unzufriedenheit ist der erste Schritt zum Fortschritt“ auf ihn beziehen. Besser lässt sich Graves Motivation nicht erklären: der amerikanische Psychologie-Professor war stets unzufrieden und enttäuscht über die Forschungsergebnisse der Psychologie in den Fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts, die mit immer wieder neuen Modellen der menschlichen Entwicklung und Persönlichkeit die Forschungslandschaft „bereicherten“. Auf die Frage seiner Studenten, welche Theorie denn jetzt stimme, konnte er nicht antworten. Daraufhin entschloss er sich, einen neuen Forschungsweg einzuschlagen.
In den sechziger und siebziger Jahren begann Graves, seine bahnbrechende Theorie zur Entstehung „menschlicher Existenzebenen“ (levels of human existence) zu begründen. Er wollte endlich das Chaos verstehen, in welchem die Menschen sich befanden und entwickelte daraus die Ebenentheorie der Persönlichkeitsentwicklung im Hinblick auf psychosozialen Systeme. Seine Verhaltensexperimente, die er unter anderem mit einem Tachistokop unternahm, führten zu zwei wegweisenden Erkenntnissen.

Erkenntnis 1

Der Mensch versucht einerseits, ständig die Anforderungen der externalen Welt zu bewältigen. Andererseits möchte er mit seiner inneren Welt Frieden schließen. Er mäandriert zwischen der Anpassung von sich selbst an die Umwelt („Selbstaufopferung“) und der Anpassung der Umwelt an sich selbst („Selbstausdruck“). Dieser Wechsel macht den zyklischen Teil des Modells aus.

Erkenntnis 2

Im Laufe der Zeit wird die Umwelt immer komplexer, die der Mensch mit sich ausmachen muss (Selbstaufopferung) und will (Selbstausdruck). Das Gehirn entwickelt Überlebenspotenziale und hebt sich damit auf höhere Existenzlevel.

Höher meint hier ausschließlich: Auf dem nächsthöheren Level kann mehr Komplexität verarbeitet werden. Es meint keinesfalls höher im Sinne von „besser“ oder „ethisch wertvoller“. Ein höheres Level ist nicht per se anzustreben. Graves erkannte, dass das Werte-Level den Lebensumständen angepasst sein muss. Wenn dies der Fall ist, sind Menschen zufrieden und glücklich.
Der Mensch lernt also, dass eine gewisse Art zu leben und die damit verbundenen Werte für eine Periode seiner Entwicklung sinnvoll sind, für eine spätere dann nicht mehr. Werte sowie sämtliche weitere Aspekte des Lebens, die damit einhergehen, wie Ethik, Motivation, Lernsysteme, Glaubenssätze, Präferenzen, etc. sind nicht fix, sondern entsprechend der Natur des Menschen ein offenes, sich ständig entwickelndes System, welches hierarchisch geordnet ist. Da es offen ist, kann es auch sein, dass Menschen auf einer Stufe stehen bleiben (oder auch wieder herabstufen), obwohl die Umwelt sich ändert.

Das Zusammenspiel von Umwelt und Mensch bedingt einander. Auch ganze Gesellschaften entwickeln Potentiale, um mit der steigenden Komplexität der Umwelt fertig zu werden. Somit lassen sich die Existenzlevel auf Gesellschaften, Organisationen, Institutionen, Teams, Gruppen und Individuen anwenden.
Graves definierte sieben Level. Er hat die Levels nicht mit einem Schlagwort belegt, er hat sie umschrieben. Wir geben hier die ursprünglichen Bezeichnungen wieder. Seine Schüler Beck und Cowan haben später ein achtes Level hinzugefügt, Farben codiert und Schlagworte für die Levels eingeführt. Wundern Sie sich also nicht, dass sowohl die Farbgebung als auch die Bezeichnungen der Levels in der Literatur variieren können.

8. Nachhaltigkeit (Türkis)
7. Existenzielle Werte (Gelb)
6. Personalisierte Werte (Grün)
5. Materialistische Werte (Orange)
4. Aufopfernde Werte (Blau)
3. Ausbeuterische Werte (Rot)
2. Traditionalistische Werte (Purpur)
1. Reaktive Werte (Beige)

Bei ungeraden Systemen (warme Farben: Beige, Rot, Orange, Gelb) dominiert der Selbstausdruck. Bei geraden (kalte Farben: Purpur, Blau, Grün, Türkis) die Selbstaufopferung. Eine Person ist nie „rein“ auf einem Level, dennoch dominiert meist eines. So konnte Graves die inneren Konflikte und widersprüchlichen Aussagen seiner Probanden erklären.
Auf der niedrigsten Stufe der Komplexität sind die Reaktiven Werte. Der Mensch reagiert auf die Umweltbedingungen um zu überleben und hat kein Bewusstsein darüber, warum er dies so tut und nicht anders. Die zweite Ebene (Purpur) hat als Hauptwert Sicherheit, das elementare Mittel ist Tradition. Von Älteren wird alles vorgegeben. Durch Rebellion entwickelt sich der Mensch in das ausbeuterische Level, Macht. Der Mensch erkennt sein separates Sein und will sich nicht dominieren lassen, sondern selbst Kontrolle ausüben. Es gilt das Recht des Stärkeren. Die Ungerechtigkeit, die darin liegt, ermöglicht die Entwicklung in Blau hinein. Hier geht es um irdischen Verzicht. Es geht darum, nach dem Tod immerwährenden Frieden zu erhalten. Das Mittel dazu ist Ordnung, die Hierarchien betont. Das verlangt eine konformistische Ethik. Es gibt eine ultimative Autorität, Eigensinnigkeit wird nicht geschätzt. Manche Menschen wünschen sich jedoch, sich in diesem Leben verwirklichen zu können und nicht erst im nächsten. Der Transfer nach Orange beginnt. Materialismus, Unternehmertum, Unabhängigkeit, aber auch Wissen (durch die Vermessung der Welt) entstehen. Was fehlt, ist Zugehörigkeit und Anschluss, so entwickelt sich die nächste Stufe, Grün, mit den personalisierten Werten. Der Mensch hat Gemeinschaft, Mitgefühl und Empathie im Sinn. Kooperation wird mehr geschätzt als Wettbewerb. Im Zuge einer aufkommenden Reflektiertheit erkennt der Mensch sich und die Welt in voller Klarheit und ist unzufrieden mit dem, was er sieht. Das ist der Sprung auf Gelb. Der Mensch sucht nach Möglichkeiten, die ihn über das Ausnutzen der Welt hinausführen. Über die existenziellen Werte, die tief verwurzelt sind im Wissen und der kosmischen Realität, schafft er sich eine solide Basis. Die aktuelle Realität mit dem jetzigen Beweisstand ist gültig, sprich: Was gestern richtig war, muss es heute nicht mehr sein. Synergie ist das Mittel, das bedeutet, dass das eigene Selbst so ausgedrückt wird, dass es allen Lebewesen möglich ist, weiter zu existieren. Das gelbe Wertesystem hat nicht mehr eigennützige Interessen im Sinn, sondern erkennt die Großartigkeit der Existenz.

Synergie ist der Sprung auf ein nächstes Plateau. Sie ist das erste Level eines zweiten Ranges und umfasst in ihrer Größe alle Ebenen davor. In ihrer Komplexität bedeutet es eine Umkehrung des ersten Level aus dem ersten Rang. Die Existenziellen Werte sind demnach die Weiterentwicklung der Reaktiven Werte auf einer neuen Komplexitätsstufe. So verhält es sich mit allen weiteren Level: Nachhaltigkeit ist die Weiterführung von Tradition. Die Level können unendlich weitergeführt werden.
Knackpunkt unseres Zeitalters ist das Erreichen des zweiten Rangs. Auf Ebene von Personen findet dazu eine „allumfassende Läuterung“, das Klarwerden, statt. Doch das reicht nicht aus! Es reicht auf Ebene von Gesellschaften, Organisationen und Unternehmen bei weitem nicht aus, „nur“ auf die Individuen zu setzen. Weiterentwicklungen der Strukturen und Systeme sind notwendig, sonst gelingt der Sprung nicht. An dieser Schwelle stehen wir.

Für die Weiterentwicklung braucht es mehrere Faktoren: Das Freilegen des Potenzials des Gehirns auf individueller Ebene; das Lösen der strukturellen Probleme auf den vorliegenden Levels; Krisen auf Ebene des aktuellen Levels, sonst kommt es nicht zu neuen Lösungen und Einsichten; Festigen des nächsten Levels durch Etablierung entsprechender Strukturen. Deswegen sind beispielsweise neue Formen von Zusammenarbeit in Unternehmen so wichtig.
Die Schlagzeilen des Jahres 2016 zeigen, dass Rückschritte in Wertesysteme, die weniger Komplexität verarbeiten, jederzeit möglich sind. Das hatte Graves bereits beschrieben. Man kann „Populismus“ und „postfaktisch“ auch als Reduktion von Komplexität lesen. So verständlich die Sehnsucht von Menschen nach Vereinfachung auch sein mag – auf lange Sicht taugt Vereinfachung nicht.