Ästhetik, ein Präzedenzfall

1. Juli 2017

Lieber Andy Duke,

vielen Dank für Ihre Antwort. Ich freue mich sehr darüber. Ich möchte auch gleich darauf eingehen.
Ästhetik als Erweiterung der Komplexität zu betrachten bzw. als Korrektiv für Komplexität zu verstehen, schien für mich beim ersten Lesen wie ein ganz neuartiger Gedanke. Wenn ich mir es aber genau überlege, fügt es sich passend ins Bild, denn in meinem Arbeitsalltag habe ich es in einer anderen Formulierung schon erkannt. Das Cynefin-Modell von Dave Snowden beschreibt derzeit die beste Herangehensweise in komplexen Situationen: Sondieren (forschen) – wahrnehmen (fühlen) – reagieren. „Wahrnehmen” im zweiten Schritt erscheint hierbei schon als Korrektiv, um die Möglichkeiten der Handlungsoptionen einzugrenzen. Snowden selbst beschreibt den Vorgang als neuartige Praxis (emergent practice). Das „Ästhetisieren“ ist also nicht nur möglich oder hinreichend, sondern notwendig!
Ihre Vermutung stimmt: hinter meiner Frage steckt eine Vision. Durch die Verbindung der beraterischen Kompetenzen der beiden Geschäftsführer und meiner strategischen Gestaltung möchte ich einen Teil zur nachhaltigen Wirkung bei Change-Prozessen beitragen, indem ich dabei unterstütze, Komplexität im unternehmerischen Umfeld ästhetisch erfahrbar zu machen. Strategische Gestaltung soll im Prozess dabei unterstützen, das individuelle ästhetische Empfinden zu sensibilisieren. Natürlich wissen wir, dass Wirkung von wesentlich mehr Faktoren abhängt, angefangen bei der persönlichen Erfahrung jedes einzelnen Menschen bis zu seiner individuellen Befindlichkeit in der jeweiligen Minute. Wahrnehmung richtet sich schließlich nach dem Wahrnehmenden – dem Beobachter. Ich kann mir vorstellen, wie Sie bei diesen Zeilen das Schmunzeln anfangen: mit den Grundprinzipien der Systemik bin ich schon vertraut und diese müssen meines Erachtens in jedem Fall berücksichtigt werden.
Es macht deutlich, wie individuell und situationsbedingt Ästhetik ist, und dabei haben wir noch nicht mal annähernd alle Faktoren bedacht. „Ästhetik ist Logik der Präzedenzfälle”, sagte der britische Industriedesigner L. Bruce Archer und führte für seine Designtätigkeit kybernetische Kontrollmechanismen ein.
Das führt mich zu meiner nächsten Frage, lieber Andy Duke. Was halten Sie von der Idee, Ästhetik als Logik der Präzedenzfälle in einer Formel festzuhalten?

Liebe Grüße,
Elisa Eichner

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