Der spielende Mensch

14. September 2017

Lieber Andy Duke,

Sie haben recht, kulturanthropologisch unumstritten: der Mensch (wie auch das Tier) lernt ja alles über Spiel — vom sozialen Miteinander bis zu den individuellen Fähigkeiten. In der Phase, in der Kinder am meisten spielen, vervielfacht sich die Größe des Gehirns und bildet sich in seiner ganzen Komplexität aus. Schiller, wie im letzten Brief erwähnt, hat deutlich gemacht, dass nur über das Spielen Potenziale ganzheitlich erfahrbar werden. Interessant ist, dass das Wort Spiel ursprünglich aus dem Althochdeutschen Wort „spil“ für „Tanzbewegung“ stammt. Und wann fühlen wir uns schon freier und ungebundener als beim Tanzen?! Stellen Sie sich das mal vor, Komplexität tanzen. Ich weiß aber nicht, ob das ein ästhetischer Anblick für alle wäre. Ich bin lieber Ihrem Rat gefolgt und habe „Spielen“ genauer recherchiert. Johan Huizinga hat wohl mit seinem Buch “Homo ludens” (der spielende Mensch, 1938/39) eine Grundlage geschaffen, denn in sehr vielen Quellen wird er genannt. Der niederländische Kulturhistoriker veröffentlichte damit ein Erklärungsmodell, wonach sich alle kulturellen Systeme durch das Spiel entwickelt haben, ob Krieg, Rechtsprechung, Sport, Wettkampf oder Theater. Während der Homo ludens im zweckfreien Spiel durch intrinsische Motivation Sinn findet, gibt es noch den Homo faber, der zweckgebunden für den Erfahrungsgewinn spielt. So vielfältig das Spielen ist, gibt es doch einige Prinzipien, die das Spiel zum Spiel machen: Raum und Zeit sind festgelegt, genauso wie Regeln. Es gibt ein persönliches Ziel und ein Spielziel, aber immer bedingungslose Freiwilligkeit. Und die fast wesentlichste Eigenschaft: unendliche Wiederholbarkeit. Für ein gelungenes Spiel kommt außerdem noch Fairplay dazu, was nicht heißt, dass Regelbrüche das Spiel nicht interessant machen können. Sie sind dann aber Teil der Regel. Als letztes, aber nicht minder wichtig, ist Spiel weder materiell nützlich noch notwendig.

Schiller wird in seinem Briefen vom Homo ludens gesprochen haben, denn sein iedealschöner Zustand ist nicht zweckgebunden und frei von allen Trieben. Mich reizt dabei der Gedanke, Komplexität zu erspielen. Wenn sich im Spiel Komplexität entwickelt, können wir im Spiel Komplexität begreifen? Wie würde ein Spiel aussehen, dass zum Ziel hat, Komplexität verständlich zu machen?

Ich bin schon sehr gespannt auf Ihre Antwort!

Liebe Grüße,
Elisa Eichner

Vorheriger Brief Das System Ästhetik
Briefe Übersicht
Vorheriger Brief Die Gestalt