Die Gestalt

26. August 2017

Lieber Andy Duke,

meine Frage im letzten Brief macht das grundsätzliche „Problem” des Ästhetikbegriffs aus. Ist Ästhetik fühlbar? Ein Zustand? Ein Werturteil? Ist es eine rational-logische Konsequenz oder rein sinnliche Erfahrung? Anknüpfend an meinen ersten Brief würden die meisten Menschen wahrscheinlich Objekte als ästhetisch beschreiben, die sie schön empfinden, und schön ist, was harmonisch ist, und harmonisch ist, was ausgeglichen ist. Das ist gültig, greift dennoch kurz. Vielzählige Philosophen haben Abhandlungen über den Ästhetikbegriff geschrieben, sodass wir per definitionem heute mit Ästhetik alles sinnlich wahrnehmbare meinen. Eine besonders schöne Erläuterung der Ästhetik möchte ich herausgreifen:

Friedrich Schiller beschreibt Ästhetik in seinen Briefen „Über die ästhetische Erziehung des Menschen" als einen Idealzustand. Für ihn hat der Mensch zwei Grundtriebe, Sinntrieb (Gefühlsvermögen, Veränderlichkeit) und Formtrieb (Vernunftvermögen, Unveränderlichkeit). Ein ästhetischer Moment ist dabei der idealschöne Zustand zwischen diesen beiden Trieben, frei von den Zwängen und Zwecken der beiden Grundtriebe. Dieser Zustand ist nur über eine Bewegung zu erreichen, die Schiller ästhetischen Spieltrieb nennt. Während Ästhetik der Zustand größter Freiheit ist, da Sinnlichkeit und Rationalität sich ausgewogen in Anspannung und gleichzeitiger Entspannung befinden, ist der ästhetische Spieltrieb wie eine lebende Gestalt, höchste Ruhe und höchste Bewegung in sich tragend. Allein das lässt sich an Paradoxität kaum überbieten, aber Schiller lässt noch einen weiteren Knaller-Satz von sich, der in die Literaturgeschichte einging: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“

Nun, lieber Andy Duke, es ist mehr als eine Vermutung, dass Ästhetik und Spiel gut und gerne in einem Atemzug genannt werden können. Schiller schrieb die Briefe durch seine Enttäuschung über den wenig humanitären Wandel nach der Französischen Revolution. In diesem Sinne sind die Briefe eine Abhandlung darüber, durch ästhetisch-spielerische Erziehung Charakterbildung zu betreiben und die eigenen rationalen und emotionalen Seiten im ständigen Spiel zu prüfen und auszugleichen, um nicht einen Teil besonders auszuprägen. Was er so selbstverständlich beschreibt, dass ich es mir wiederum nicht erklären kann:

Wie kommt es, dass er auf so natürliche Weise bei diesen Bewegungen von Spiel spricht?

Liebe Grüße,
Elisa Eichner

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