Falsch verstanden

24. Juli 2016

Dass die Anrede

„Lieber Freund der Meisterschaft“,

durchaus falsch verstanden werden könnte, hast Du uns in Deiner letzten Mail deutlich vor Augen geführt. Wenn man Meisterschaft auf das Handwerkliche verkürzt, läuft man schnell Gefahr, dies mit Pragmatismus gleichzusetzen. „Wohin“, so fragst Du uns, „führt es Euch, wenn Ihr Euch am gesellschaftlich vorherrschenden Paradigma der Praxisorientierung und des Pragmatismus orientiert?“

Wohin führt uns das? Auf der einen Seite zu einem alten, bekannten Problem: Dem Theorie-Praxis-Problem. Vielen erscheint das Verhältnis von Theorie und Praxis als ein Widerspruch. Theorie ist etwas ganz anderes als die Praxis. Vielfach hören wir bei unseren Klienten die Überzeugung: „Ja, ja, in der Theorie ist das wohl möglich. In der Praxis jedoch nicht!“ Neulich hörten wir wieder einmal: „Frau Fürst, das ist reiflich naiv, was Sie da erzählen! Das ist blanke Theorie! Das ist bei uns nicht denkbar!“ Es ging schlicht darum, ob es möglich sein könnte, dass Mitglieder der zweiten Ebene einem Kollegen der zweiten Ebene inhaltlich beistehen, wenn dessen Meinung vom Vorstand abgelehnt wird. Dieses kleine Beispiel zeigt uns, lieber Andy, dass Theorien sofort an ihrer Umsetzungsmöglichkeit im eigenen Unternehmen gemessen werden. Wenn das nicht möglich ist, stimmt die Theorie halt nicht – oder zumindest hat sie keinen Wert. Das daraus entstehende Dilemma ist, dass die pragmatische Umsetzungsmöglichkeit im Unternehmen am Bestehenden gemessen wird und somit zum Feind der Veränderung wird.

Auf der anderen Seite führt uns Deine Frage auf die Ebene der Beziehungsgestaltung zwischen unseren Klienten und uns. Bleiben wir bei unserem kleinen Beispiel. Wenn wir an Spinozas berühmten Satz denken „Das was Paul über Peter sagt, sagt mehr über Paul als über Peter aus“ schauen wir uns Paul in unserem Beispiel an. Was will uns Paul eigentlich sagen? Das kann doch auch bedeuten, dass wir ihm mit Veränderungen vom Hals bleiben sollen. Oder will er uns damit sagen, dass er solche Veränderungen in seinem Unternehmen tatsächlich für unmöglich hält, dass er resigniert hat? Eines ist klar: Es geht nur vordergründig um Theorie und Praxis. Dahinter steckt oftmals etwas ganz anderes.

Was ist das Andere? Die Flut der Ratgeber kommt uns in den Sinn. Wir haben manchmal den Eindruck, dass in Unternehmen wahllos, manchmal fast verzweifelt, auf jeden Fall händeringend nach praxistauglichen Verfahren gesucht wird. Nach Anwendbarem oder wie es eine Klientin in der letzten Woche ausdrückte: „Eine Sehnsucht nach Antworten“. Mit „Antworten“ meinte sie Rezepturen, Handwerkszeug und Lösungen. Ein „So geht das“ und ein „So machen wir das“.

Um was geht es also? Es geht um Komplexität, genauer um den Umgang mit Komplexität. Es gibt eine Sehnsucht in der komplexen Welt der Organisationen schnell zu brauchbaren Lösungen zu kommen. Die fast schon paradoxe Schwierigkeit liegt nun darin, dass die Situationen so komplex sind, dass es mehrere mögliche Antworten gibt. Die Anzahl der Rezepturen spannt also selbst Komplexität auf! Somit wissen die nach Lösung Suchenden wieder nicht, was sie machen sollen und was passt. Die Komplexität an sich wird durch Pragmatismus nicht bearbeitet. Theorien liefern dagegen Erkenntnisse, die Komplexität an sich strukturiert und damit sinnvoll reduziert. „Gib einem Mann einen Fisch und du ernährst ihn für einen Tag. Lehre einen Mann zu fischen und du ernährst ihn für sein Leben.“, so Konfuzius schon lange vor unserer Zeit.

Was ist in unserer Profession der Organisationsentwicklungsberatung eine Theorie? Als Berater für Veränderungen ist es unser Auftrag, zusammen mit dem jeweiligen Unternehmen Entwicklung, Wachstum, Lernen sowohl auf der Ebene der Menschen, als auch der Teams und vor allem der Organisation an sich zu ermöglichen. Unsere Theoriebildung dient somit nicht der reinen wissenschaftlichen Erkenntnis, sondern dient diesem Ziel. Wir brauchen Theorie, da aus ihr die Dinge erdacht werden können, die heute nicht für möglich gehalten werden. Veränderung muss sich an Theorie orientieren, weil das Pragmatische das Bekannte ist.

Eine Theorie ist die systematische Darlegung der Bedingungen praktischen Handelns. Sie ist ein Bild, ein Modell der Realität. Sie will die Realität erklären und es ermöglichen, Vorhersagen zu machen. In unserer Professionswelt sind Theorien also Modelle, die das, was wir in Organisationen erleben, so erklären, dass sich daraus passende nächste Schritte für die Entwicklung der Organisation ableiten lassen. Diese Theorien kommen vor allem der Welt der systemischen und kybernetischen Wissenschaften, der Soziologie und der Sozialpsychologie entstammen – mit allen weiteren sich überschneidenden Forschungsgebieten wie der Kommunikationswissenschaften, der Kreativitäts- und Innovationsforschung. Hin und wieder kommen entsprechende Ansätze, die sich um die Entwicklung von Organisationen kümmern, sogar schon aus der Welt der Betriebswirtschaft.

Doch was nützt es unseren Klienten, wenn wir uns von Theorien leiten lassen?
Werter Freund, wir sind gespannt auf Deine Überlegungen und grüßen Dich sonntäglich.

Deine Beiden von AD

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