Im Genuss schlechter Gefühle

13. Januar 2018

Im Genuss schlechter Gefühle

Lieber Andy Duke,

Ästhetik heißt wohl doch, alles ist schön. Das Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik hat herausgefunden, dass wir Kunstwerke, die negative Emotionen hervorrufen, als interessanter, intensiver und auch als schöner wahrnehmen, als Kunstwerke, die wir nur mit positiven Gefühlen verbinden. Die Forscher des Instituts haben ebenfalls ein Modell entwickelt, um es zu erklären. Dafür haben sie die neuesten Erkenntnisse der Emotionspsychologie mit Prinzipien der ästhetischen Wahrnehmung (Ordnung, Struktur, Symmetrie) verknüpft. Das Ergebnis: Wir ordnen die Wahrnehmung von Kunstwerken in eine andere Kategorie von Erlebnissen ein als solche, die im Alltag passieren. Das schafft einen Sicherheitsraum, in dem wir negative Gefühle erleben (und auch genießen) können. Außerdem erscheint uns Kunst abwechslungsreicher, die uns in positive und negative Gefühle im Wechselspiel verwickelt. Das kann auch Angst, Unsicherheit, Wut oder Trauer hervorrufen. Die ästhetische Kraft der Darstellung (Musik, Sprache, Farben) intensiviert das Erlebnis von negativen Emotionen und macht ein positives daraus.

Das klingt, als ob Ästhetik wider jeglicher Logik alle negativen Vorzeichen in positive wandelt. Wie unglaublich ist das denn! Im ersten Moment als ich das gelesen habe dachte ich an Schiller und seinem ästhetischen Spieltrieb. Das sich in der Spannung des Wechselspiels der ästhetische Moment befindet, hat jetzt 200 Jahre später den empirischen Beweis. Auch die Liebe ist bekanntlich ein Wechselbad der Gefühle, kein Wunder jetzt, dass mir der Vergleich kam. Interessant finde ich auch, welche Erinnerung mir als ästhetisches Erlebnis zuerst kam: du wirst dich sicherlich noch an „Ismael Ivo tanzt Francis Bacon“ erinnern, dass die Staatsgalerie anlässlich der Bacon-Ausstellung im Theaterhaus organisiert hatte? Es war (und ist immer noch) das erste zeitgenössische Ballett, dass ich gesehen habe, und hat mich total verstört entlassen. Ekel und Phantomschmerz waren die Gefühle, die mich bei diesem Abend immer wieder begleitet haben und ich muss zugeben, ich habe zweimal die Augen zugemacht. Dabei war es durchgehend so spannungsgeladen, wie die Tänzer um Ismael Ivo und er selbst die widersprüchliche Kunst Bacons interpretierten.
Am Ende bin ich raus und dachte mir: wie schön, wie gar nicht schön das war.
Und wie schön erst für die Ästhetik, die uns das nicht vergessen lässt!

Liebe Grüße, Elisa

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