Lernt Sie zu lieben!

2. Oktober 2016

Wir wünschen Dir einen schönen Sonntag, lieber Andy, und grüßen Dich herzlich.

Vielen Dank für Deine kurze Antwort, in der Du uns wieder einmal an eine gedankliche Reise erinnerst, auf die Du uns bereits vor Jahren geschickt hast. Du weist uns darauf hin, dass innovative Beratung, also Beratung, die Neues schafft, immer mit Dilemmata, Widersprüchen und Paradoxien zu tun hat. „Lernt sie zu lieben“ – darin gipfelt Deine Empfehlung.

Zunächst nur widerwillig ließen wir uns und die meisten unsere Klienten auf diese Zumutung ein. Wer denn, bitte, findet Gefallen an Widersprüchen und Dilemmata? Genau das Gegenteil ist der Fall. Widersprüche werden negiert, Dilemmata wie der gordische Knoten durchschlagen. Dazu sind doch Macht und deren Beratung da!

Du legst mit Deinem knappen Hinweis auf „innovative Beratung“ uns einen Köder hin, auf den wir dann doch angebissen haben. Kann das der Unterschied sein? Dass innovative Beratung, die Neues schafft, anders mit den Widersprüchen und Dilemmata umgeht?

Wir sind bei unseren Recherchen auf einen Innovationsbegriff des russischen Ingenieurs und Wissenschaftlers Altschuller gestoßen, der auch Science-Fiction-Autor war. Er sagte 1946 sinngemäß: „Eine Aufgabe hat dann die Qualität einer Erfindungsaufgabe, wenn die notwendige Voraussetzung zu ihrer Lösung in der Überwindung eines bestehenden Widerspruchs besteht“.

In der Technik lässt sich das gut nachvollziehen. Nehmen wir als Beispiel den Flugzeugbau. Lange waren das Gewicht des Materials, das für die Festigkeit benötigt wurde, und die damit verbundene Schwere ein Widerspruch. Entweder es war stabil und damit zu schwer; oder es war zwar leicht genug, jedoch damit nicht ausreichend stabil. Hätte man es bei diesem Widerspruch belassen, wäre es nicht zu innovativen Materialien gekommen. Erfinder aber denken nach und lassen den Widerspruch auf sich wirken: „Wie bekommen wir es hin, dass wir Materialien mit hoher Festigkeit und geringen Gewicht herstellen können?“ Da ist sie, die Zauberformel: Nicht im Entweder-oder-Denken verhaftet bleiben, sondern das Sowohl-als-auch denken! Die Lösung war: das Material zu durchlöchern!

Wir wenden nun diesen Innovationsbegriff auf unserer Professionswelt der Organisationsberatung an. Wonach wir intensiv zusammen mit unseren Klienten forschen, sind soziale und organisationale Erfindungen. Organisationen leben ja aufgrund ihrer Komplexität von Widersprüchen und oftmals auch mit den sich daraus ergebenden Dilemmata.

Und hier setzen wir auf dem Ende unseres letzten Briefes auf: Wir sind dann der richtige Partner für Problemstellungen, wenn nach Neuem geforscht werden soll! Wenn es nicht auf der Hand liegt, wie das Problem zu lösen ist, wenn es nicht eindeutige Antworten aus einem Entweder-oder heraus gibt. Wenn es etwas zu entdecken und aufzudecken gibt. Wenn es in die Tiefe geht. Wenn es Nüsse zu knacken gilt. Wenn es ausweglos erscheint. Wenn der zweite Anlauf auch nicht geklappt hat. Wenn wir selbst gefordert sind. Wenn wir unsere ganze Erfahrung und Profession einbringen müssen, damit es sich bewegt. Dann macht es uns so richtig Freude – so paradox das klingen mag.

Also: wir forschen in unserer Beratungsarbeit nach Erfindungen, die Widersprüche aufheben. Dilemmata und Widersprüche entstehen häufig ja genau dann, wenn nicht der ganze Möglichkeitsraum erforscht wird, den die Organisation hat. Uns wird selbst klar, dass wir deshalb davon abraten, nur wenige oder gar zwei Optionen zu denken, bevor es zu einer Entscheidung kommt. Zwei Optionen laden viel zu sehr zu einem Entweder-oder-Denken ein, zu einer Haltung des „Abwählens“ und damit des Erzeugens von win-loose-Gefühlen. Ein Buch, das sich konsequent dem „Sowohl-als-auch“ in Organisationen widmet, ist das Buch „Wie Organisationen gut entscheiden“ von Othmar Sutrich und Bernd Opp.

Deswegen suchen wir so konsequent nach dem Sowohl-als-auch, das in nahezu jedem Entweder-oder implizit enthalten ist Und machen Implizites Explizit. Das sind unsere beiden Werkszeuge.

Wir suchen nach den überraschend anderen Lösungen. Das sind die „paradoxen“ Lösungen, die wir lieben. Lösungen, die nachher so genial einfach aussehen. Nach den Wegen, die die Neugier des Ausprobierens, hervorrufen. Nach Lösungen, die Mut brauchen – weil sie neu sind. Und: wir halten uns fern davon, mit in die Dilemma-Konstruktion, mit in die Dramen, mit in die Ausweglosigkeit zu gehen, der „Problemhypnose“ (Gunther Schmidt) zu erliegen – so sehr uns das nach wie vor auch selbst verführen kann. Auch gegen Widerstände setzen wir konsequent auf ein Explizitmachen von Glaubenssätzen, Grundüberzeugungen und Einstellungen. Wir suchen nach der implizit vorhandenen Lösungskompetenz des Unternehmens, tragen die Lösung nicht von außen rein.

Weißt Du was, lieber Andy? Im Grunde unseres Herzens sind es diese Forschungen, diese Erfindungen, die uns große Freude bereiten. Wenn wir sie dann zur Wirkung bringen im Unternehmen und dieses dann die Wirkung der Wirkung dort spürt, wo sie sein soll – dann haben wir einen guten Job gemacht. Und das ist dann noch mehr als Freude. Das ist dann berufliche Befriedigung.

In Verbundenheit

Deine Berater

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