Praktische Theorie

8. August 2017

Lieber Andy Duke,

ich freue mich über Ihr Interesse an der Idee und den Zuspruch, durch eine Formel Ästhetik erst einmal zu durchdenken. Ganz im Sinne des ersten Gebots der systemischen Erkenntnismethode: „Nutze Theorie, damit du praktisch wirst“. Ich habe durch die systemische Weiterbildung, die ich zurzeit erlebe, verstanden, dass es die Theorie ist, die die Möglichkeit gibt, Prozesse kontraintuitiv zu betrachten. Theorie fordert den Übertrag und somit einen Perspektivwechsel, wodurch sich wiederum Praxiskonzepte ableiten lassen.
Gerne erläutere ich Ihnen wie gewünscht die Theorie von L. Bruce Archer, die ich im letzten Brief angedeutet habe, etwas genauer:
Der britische Professor veröffentlichte 1965 über das Council for Industrial Design seine „systematic method for designers”. Er analysierte den Produktdesign-Prozess und stellte diesen als Faktoren-Komplex aus mehreren Dimensionen dar. Für ihn bestand die Kunst darin, über Analyse und anschließender Synthese der Dimensionen einen kompromisslosen(!) Faktorenausgleich zu schaffen, der die einzig richtige Design-Lösung ausmacht. Im Unterschied zum Mathematiker besteht im Designprozess jedoch ein schöpferischer Moment (ein Urteil, eine Prognose, eine Hypothese), was eine rein mathematische Lösung nicht aufweisen kann. Der Zweck seiner systematischen Methode ist es daher, bestmögliche Bedingungen für subjektive Werturteile zu schaffen.
Eine Formel zur Ästhetisierung von Komplexität stelle ich mir bisher — auch im Hinblick auf das Cynefin-Modell — ähnlich vor: eine bestmögliche Abbildung des Sondierungsvorgangs als Grundlage für das subjektive Empfinden, das Wahrnehmen. Die Formel beschreibt die Faktoren, die berücksichtigt werden, und gleicht sie aus.
Wenn diese Formel gelingt, würde sie auch das Problem des Innovationsprozesses lösen. Der typische, sechsstufige Prozess — bestehend aus Suchfeldbestimmung, Ideenfindung, Ideenbewertung, Entwicklung, Validierung und Markteinführung — scheitert oft schon an der ersten Phase. Im Gestaltungs-Studium habe ich diese erste Phase als „fuzzy frontend” kennen gelernt. Ein Begriff, so schwammig wie der Vorgang selbst und daher unfassbar passend. So fühlt sich für mich Komplexität an.

Lieber Andy Duke, in den nächsten Briefen möchte ich mich mit Ästhetik als Wahrnehmungsprozess selbst ergründen. Davor möchte ich aber noch von Ihnen wissen: Wie stellen Sie sich einen ästhetischen Moment vor?

Liebe Grüße,
Elisa Eichner

*Groth, T. (2017). 66 Gebote systemischen Handelns in Management und Beratung.

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