Prima Klima

4. Juli 2016

Sei gegrüßt, lieber Andy,

ach ja, die Unternehmenskultur – ein verschwommener, vielfältiger, breit angelegter Begriff; zudem häufig verwechselt mit dem Begriff des Betriebsklimas. Ein Begriff wie ein Etikett. Was drinsteckt weiß man erst, wenn man sich damit beschäftigt.

Wenn Menschen in Unternehmen davon erzählen, fallen Sätze wie: „Das geht bei uns nicht“ oder aber „So läuft es halt bei uns – und nicht anders“. Gemeint sind damit, wenn es um Unternehmenskultur geht, alle Facetten des Zusammenarbeitens: „So wird halt bei uns entschieden.“; „So führt man hier“; „So kommunizieren wir schon immer.“; „Das mit der Verantwortungsübernahme ist halt so.“. Bis hin zu: „Wir machen das mit den Kunden schon immer so!“

Manche können sich noch an ihr Staunen erinnern, als sie neu ins Unternehmen kamen. Je länger sie jedoch dabei sind, umso normaler wird das für sie. Die, die erstaunt bleiben und sich am Bestehenden reiben, bleiben meist nicht lange. Das finden wir wiederum erstaunlich. Häufig haben wir erlebt, dass gerade Vorstände und hohe Führungskräfte eingestellt werden, weil sie etwas anders machen sollen als es im Unternehmen üblich ist. Doch mit der Zeit werden sie „geschliffen“, sie passen sich an. Ein erstaunliches Phänomen, das den Schluss nahelegt, die Kultur sei stärker und dominanter als einzelne Personen und seien sie Vorstände.

Wobei: eigentlich ist es gar nicht erstaunlich. Erinnern wir uns an Oskar und den Soldaten in der Blechtrommel, die aus dem Tritt kommen, weil Oskar einen anderen Takt schlägt. Versuchen wir einmal, wenn Walzer gespielt wird, Tango zu tanzen. Es geht nicht! In hierarchisch-funktionalen Unternehmen ist die Musik vorgegeben: Hier wird nach unserer Musik getanzt! Anderes Tanzen ist nicht erlaubt. Die Musik selbst hat dabei eher mit einem Marsch als mit fröhlichem Walzer zu tun. Unhörbar ist diese Musik – und trotzdem erlebbar und sehr wirkungsvoll.

Den Gegenpol dazu kann man in Startup-Unternehmen erleben. Nicht nur aber auch deswegen üben diese eine Faszination auf etablierte Unternehmen aus. In diesen Unternehmen ist die Musik nicht vorgegeben. Die Musiker dort sind – hoffentlich jedenfalls – auch Könner, oft Meister ihres Faches (ja, hier kommt unser Begriff des „guten Handwerks“ wieder herein, über den wir im April korrespondierten). Sie treffen auf andere Könner ihres Faches und dann fangen sie an. Sie wissen nicht, was sie genau spielen werden. Sie fangen an zu spielen und hören dabei genau auf den anderen und auf die Reaktionen des Publikums. Und dann entsteht etwas, was nur durch das Zusammenspiel so entstehen kann. Ein Fachmann alleine hätte es nicht gekonnt. In der Musik ist das die Improvisation des Jazz und Musikevents, die die Anwesenheit der Menschen nutzen, die eben da sind. Die grenzüberschreitende, experimentelle Worldmusic gehört ebenfalls dazu.

Eines ist klar: Die Kultur einer Organisation reduziert Komplexität. Aus dem unüberschaubaren Meer aller Möglichkeiten werden manche Optionen von vornherein als denkbar angesehen und andere als nicht denkbar. Viele Denkrichtungen werden nicht weiter verfolgt, weil sie eben der Kultur nicht entsprechen. Menschen, die zur Kultur passen, werden eingestellt. Die anderen nicht. Interessanterweise haben Christensen, Stevenson und Marx in einem Artikel im Harvard Business Manager beschrieben, dass die Unternehmen mit einer „starken“ Unternehmenskultur veränderungsresistent sind. Veränderungsresistent im Hinblick auf das Spielen der grundlegenden Musik – nicht in Hinblick auf die Stücke, die aufgeführt werden. Die können schnell wechseln.

Die Musik zu verändern, nach der getanzt wird, das ist Organisationsentwicklung!

Wir hören Dich schon fragen: „Was müssen Organisationen dann lernen?“ Wir antworten: Sie müssen lernen, wie sie lernen, das zu unterscheiden. Lernen der 2. Ordnung nennen wir das. Und das hat mit Werkzeugen wenig zu tun. Eher mit Bewusstsein und mit Reflexion.

Haben wir alles Wesentliche zur Unternehmenskultur beschrieben, lieber Andy? Wir möchten unsererseits Deine Antwort nicht eingeleitet wissen mit dem Satz von Robert Koch „Diese Frage ist zu gut, um sie mit einer Antwort zu verderben“.

So long

Claudia und Dirk

Vorheriger Brief Falsch verstanden
Briefe Übersicht
Vorheriger Brief Von Hunden und Steinen