Schön Komplex

31. Mai 2017

Lieber Andy Duke,

nach einem Jahr Briefwechsel zwischen Ihnen und Frau Fürst erlaube ich es mir, Ihnen auch einen Brief zu schreiben. Seit Sie das Zepter an die beiden Geschäftsführer weitergegeben haben sind Sie nur schwer zu erreichen. Ich hätte gerne die Chance, Sie auch etwas kennen zu lernen. Im Arbeitsalltag lerne ich sehr viel über die Arbeitsweise von Frau Fürst und Herr Kochan und erst über die Briefe wurde mir klar, dass Sie maßgeblich daran beteiligt waren, diese Arbeitsweise zu formen.

In meiner studentischen Laufbahn hatte ich kaum nennenswerte Berührungspunkte mit der Arbeitswelt und -weise von Unternehmensberatungen. Nach den Managementkursen, die ich im Masterstudium besuchte – die mir nicht wirklich gefallen und sich im Nachhinein als veraltet herausgestellt haben – hatte ich keineswegs auf dem Plan, mich bei einem Unternehmensberater vorzustellen. „Swoten“, „leanen“, „cash cows“ finden und „poor dogs“ verjagen wollte ich in meinem Leben nie wieder hören. Der Zufall wollte es zum Glück anders und ich weiß jetzt, dass die Arbeit von Andy Duke weit darüber hinausgeht. „Damit Ihr unternehmerische Wille Wirklichkeit wird“ bedeutet kulturelle Organisationsentwicklung mit den Klienten, systemisches Denken, Probleme und Widersprüche aushalten, ständiges Reflektieren, von „Entweder-Oder“ zu „Sowohl-Als-Auch“, wissen, was es zu bewahren gilt, aber auch neugierig sein, Neues zu lernen. Kurzum: Komplexität erfahren und annehmen, den Drang wiederstehen, es einfacher machen zu wollen als es ist. Denn gleichzeitig muss es dann doch auch praktikabel umsetzbar sein.

Bei „es einfacher machen“ sind wir bei meinem Anliegen für diesen Brief. Ich bin ausgebildete strategische Gestalterin und damit seit einem Jahr für die Andy Duke GmbH tätig. Gestaltung ist per definitionem formgebende Ästhetik, was wiederum in seinem begrifflichen Ursprung „Wahrnehmung“ und „Empfindung“ bedeutet. Ich habe gelernt, was Menschen als „schön“ empfinden, was entsprechend wirkt. Harmonie, Einfachheit, Klarheit – aber nicht Simplifizierung. In dieser Hinsicht versuche ich tagtäglich, Material für die Klienten zu gestalten, damit ihnen die oft gehaltvollen Inhalte „leichter“ wirken, annehmbarer, übersichtlich, sie es so wenig wie möglich als Arbeit empfinden. So weit, so gut. Das ist genau der Punkt, den ich gerne mit Ihnen diskutieren würde:

Lieber Andy Duke, ausgehend davon Wirkung zu erzeugen, Komplexität darzustellen, nicht zu vereinfachen, aber praktikabel zu machen: ist Komplexität ästhetisch? Bzw. kann ich als Gestalterin überhaupt Komplexität ästhetisieren?

Ich würde in einem Antwortbrief sehr gerne Ihre Meinung dazu hören.

Liebe Grüße,
Elisa Eichner

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