Sie sollten auf Bäume klettern

16. Januar 2017

Sei gegrüßt, lieber Andy,

vielen Dank für Deine schönen Neujahrsgrüße. Wir haben sie sehr gerne gelesen. Du nimmst uns mal wieder beim Wort. Nachdem wir in unserem letzten Brief so sehr auf die Bedeutung der Zuversicht in unseren Zeiten steten Wandels hingewiesen haben, empfiehlst Du uns: Sät Zuversicht, wo immer ihr nur könnt und wo immer es euch möglich ist.

Das erste, was uns dazu einfiel war, dass es leichter ist Zweifel zu säen als Zuversicht. Einmal ausgesäter Zweifel setzt sich wie die Stille Post fort und findet leider allzu oft Resonanz. Einmal ausgesäte Zuversicht kann sich selbstverständlich auch fortsetzen, aber sie tut es nicht so „automatisch“. Zuversicht zu verbreiten ist ein bewusster Akt. Sie wird nicht so leicht übernommen und eingesetzt wie der Zweifel. Sie scheint weniger attraktiv zu sein. Sehr merkwürdig.

Dabei zeigt die Erfahrung, dass es oft berechtigt ist, zuversichtlich zu sein. Die Forschung bestätigt es: Wenn wir die Potentiale sehen, wenn wir uns auf das Positive konzentrieren, werden die Ergebnisse besser. Sowohl die Leistungen von Einzelnen steigen als auch die Leistungen von Teams. Und die Ergebnisse von Unternehmen auch.

Ja, wir trauen den Menschen, den Teams und den Unternehmen oft mehr zu als diese sich selbst. Das ist unsere Handschrift, bei der wir beharrlich bleiben. Manche unserer Klienten meinen sogar, wir wären unerschütterlich darin. Und wir haben ziemlich gute Gründe für dieses Zutrauen:

Wir trauen den Unternehmen mehr zu als diese sich selbst, weil wir die Potenziale aus Erfahrung kennen, die sich ergeben, wenn z.B. die Entscheidungsprozesse einem „Reengineering“ unterzogen werden. Wir trauen Teams oftmals mehr zu als diese sich selbst, weil wir wissen, was gute Kommunikation und die Kräfte der Selbstorganisation bewirken können, wenn den Teams herausfordernde Aufgaben im Wertschöpfungsprozess ihrer Unternehmen gestellt werden. Und wir trauen den Menschen in Unternehmen mehr zu als sie sich selbst, weil wir wissen, mit welcher Fülle an Kompetenzen und mit welchem Verantwortungsbewusstsein die meisten ihr privates Leben bewältigen.

In diesem Zutrauen sind wir nicht naiv. Naiv mögen diejenigen sein, die meinen, die versteckten Potenziale seien mit wenigen guten Worten und Appellen zu heben. Zuversicht säen bedeutet Geduld zu haben für organisationale Lernprozesse, für beharrliches Reflektieren von hinderlich gewordenen Denkgewohnheiten, die sich an Defiziten festhalten, für üben, üben, üben. Die Problemhypnose von Unternehmen ist nicht mit einem Fingerschnippen aufzulösen – leider.

Das sollen wir also tun, lieber Andy: Wir stellen unseren Fokus auf das, was Anlass zur Zuversicht gibt. Und das ist die Lösungskompetenz in Unternehmen. Das, was Schwierigkeiten gibt, erkennen wir an, natürlich, sonst bräuchte es ja auch die Lösungskompetenz nicht. Aber wir verwenden weniger Zeit und Energie darauf der Frage nachzugehen, woher denn nun die Schwierigkeiten kommen und wer schuld daran hat, das, was Schmidt die Problemhypnose nennt. Wenn die Verursachungsfrage in vertretbarer Zeit zu beantworten ist, wird sie beantwortet und das Defizit abgestellt. Und wenn es um gravierendes schuldhaftes Versagen geht, sind andere und nicht wir Veränderungsberater gefragt, ihren wichtigen Job zu tun. Wir haben es aber meist mit Schwierigkeiten zu tun, bei denen es nicht die eine Fehlerquelle oder den Schuldigen gibt. Wir kümmern uns lieber um Antworten auf der Ebene der Stärkung der Lösungskompetenz.

Da fällt uns ein schönes Beispiel von Gerald Hüther ein: Wenn Kinder nicht so gut in Mathematik sind, wird in der Regel Nachhilfe gegeben. Das ist Defizitorientierung. Potentialorientierung ist es zu schauen, was denn die Kinder vereint, die gut in Mathe sind. Die Antwort: Diese Kinder spielen gerne draußen, sie klettern und balancieren. Die Erklärung für diesen Zusammenhang: So lernen die Kinder dreidimensionales Denken! Also: Wenn wir wollen, dass unsere Kinder besser in Mathe werden, sollten sie auf Bäume klettern.

Deine Andy Duke’ler

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