…Und Nasrudin stieg von der Kanzel

20. November 2016

Sei gegrüßt, lieber Andy,

„Auch gegen Widerstände setzen wir konsequent auf ein Explizitmachen von Glaubenssätzen, Grundüberzeugungen und Einstellungen. Wir suchen nach der implizit vorhandenen Lösungskompetenz des Unternehmens, tragen die Lösung nicht von außen rein“ betonten wir im letzten Brief an Dich. Wir sollen nachforschen, so schreibst Du uns, warum das eher schwerfällt, warum das so ungewohnt und so selten ist. Eigentlich sei das doch ganz einfach, behauptest Du. Und falls es nicht einfach sein sollte, sei es zumindest äußerst ertragreich – für unsere Kunden.

Wir haben uns die Wortbedeutung nochmals genauer angeschaut: Was heißt „implizit“ und „explizit“ genau? Wir haben eine hilfreiche Definition bei Peter Sloterdijk entdeckt: Das „Explizitmachen“ ist im wörtlichen Sinne „die „Ausfaltung“ von Verhältnissen, die in den Überlieferungsmassen unter „impliziten“, sprich: in sich eingefalteten und zusammengedrängten Formen vorliegen“.

Was entfalten wir in diesem Sinne und wozu soll das gut sein? Was an wesentlichen Informationen liegt in den „Überlieferungsmassen“ von Unternehmen und ihren Mitarbeitern und Teams? Und wie reduzieren wir die Massen an Überlieferungen auf das Wesentliche? Sutrich/Opp haben auf diese Frage eine interessante Antwort gefunden: Reduziert auf das Wesentliche geht es immer um die Frage, welche Erfahrungen das Unternehmen, welche Erfahrungen die Mitarbeiter im Umgang mit Risiken „in zusammengedrängter Form“ abgespeichert haben. Bei Personen sind das die einschlägigen Glaubenssätze und Grundüberzeugungen, die sich z.B. in Sätzen wie „Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um“ oder „No risk no fun“ niederschlagen. Die gespeicherten Erfahrungen der Unternehmen im Umgang mit Risiken zeigen sich zutiefst in deren Entscheidungsprozessen: „Was wird vorrangig betrachtet? Die potentiellen Gefahren oder die möglichen Chancen?“ „Was ist sicherer? Wenn der Chef entscheidet oder wenn die vielen Perspektiven der Stakeholder integriert werden?“

Wir haben weiter nachgedacht: Was ist in der Organisationsberatung eigentlich die gängige und gewohnte Alternative zu Implizites explizit machen? Davon auszugehen, dass dem Unternehmen etwas fehlt, was von außen reingetragen wird. Die Lösung(en) als Berater zu kennen und diese dem Klienten zu offerieren. Warum erscheint das auf den ersten Blick einfacher? Weil es beiden Seiten, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, Sicherheit suggeriert. Dem Berater, weil er ja derjenige ist, der das Wissen bringt, weswegen er Berater wurde. Dem Klienten, weil damit in einem bestimmten Sinne der Berater (oder dessen vorgeschlagenen Modelle und Werkzeuge) die Verantwortung für den Erfolg übernimmt. Wenn es nicht klappt, liegt der Schwarze Peter beim Berater. Und der kann sagen, dass der Klient halt nicht zu seiner (genialen) Lösung gepasst hat – und zieht weiter.

Das bringt uns zu einem wichtigen Gedanken: Schauen wir auf die Lösungen oder auf Lösungskompetenz? Wenn das Manko „Lösungskompetenz“ ist, sind wir in einem anderen Spiel. Dazu gibt es eine schöne Geschichte von Mullah Nasrudin:

Nasrudins Predigt

Eines Tages wollten die Dorfbewohner sich mit Nasrudin einen Spaß machen. Da man ihn für einen heiligen Mann, wenn gleich von nicht recht verständlicher Art, hielt, gingen sie zu ihm mit der Bitte, er möge bei ihnen eine Predigt halten.

Als der Tag kam, bestieg Nasrudin die Kanzel und sagte: ,,Leute! Wisst ihr, was ich euch erzählen werde?“ „Nein, wir wissen es nicht”, riefen sie. „Ehe ihr es nicht wisst, kann ich es auch nicht sagen. Ihr seid zu unwissend, als dass ich damit anfangen kann“, sagte der Geistliche, übermannt von Entrüstung über so unwissende Leute, die ihm seine Zeit stahlen. Er stieg von der Kanzel und ging heim.

Leicht verärgert ging eine Abordnung wieder zu seinem Hause und bat ihn, am kommenden Freitag, dem Tag des Gebetes, zu predigen. Nasrudin begann seine Predigt mit derselben Frage wie beim vorigen Mal. Diesmal antwortete die Versammlung wie aus einem Munde: „Ja, wir wissen es!“ „In diesem Fall“, sagte der Geistliche, „besteht für mich keine Notwendigkeit, euch länger aufzuhalten. Ihr könnt gehen.“ Und er kehrte heim.

Nachdem man ihn bewegt hatte, auch am dritten, darauffolgenden Freitag zu predigen, begann er seine Ansprache wie zuvor: „Wisst ihr es oder wisst ihr es nicht?“ Die Versammlung war darauf gefasst. „Einige von uns wissen es, andere nicht.“ „Ausgezeichnet!“ sagte Nasrudin. „Dann lasst diejenigen, die es wissen, ihr Wissen denen mitteilen, die es nicht wissen.“ Und ging nach Hause.

Einen guten Tag Dir noch, lieber Andy, und auf bald

Claudia M. Fürst und Dirk A. Kochan

Vorheriger Brief Über Zuversicht und Gewissheit
Briefe Übersicht
Vorheriger Brief Lernt Sie zu lieben!