4 Wochen später

26. April 2016

Guten Tag, lieber Andy,

wir hätten es uns eigentlich denken können: Selbstverständlich warst Du mit der Anrede „Meisterfreund“ nicht einverstanden. Du seist nicht der Freund von Meistern, sondern ein Freund der Meisterschaft.

Meisterschaft, so schreibst Du uns, sei die Fähigkeit auf das, was der Moment braucht, zu reagieren. Professionelle Meisterschaft schließe dem Wesen nach die Fähigkeit ein, auf neue und ungewohnte Situationen „richtig“ zu reagieren.

Und wir haben nun die Aufgabe, das für unsere Profession, für unsere Meisterschaft, zu durchdenken? Ja, würdest Du sagen, das ist Euer Job. Nun gut. Es dient ja unserer Meisterschaft – und damit unseren Klienten. Also fangen wir an.

Richard Sennett befasst sich in seinem Buch „Handwerk“ ausführlich mit dem Wesen des Handwerks, das in der Fähigkeit liegt, Dinge so herzustellen, dass sie wirklich gut sind. Egal welches Handwerk, ob Goldschmied oder Töpfer, ob Politiker oder Pianist, ob Programmierer oder Musiker – all diese Menschen gehen einem Handwerk nach, das nach technischer Perfektion strebe und Selbstversunkenheit zur Folge habe. Damit seien Handwerker all jene, die den Wunsch verspürten, etwas Konkretes um seiner selbst willen gut zu machen. Dieser Wunsch und das Erlebnis, ganz in seiner Arbeit an einem Werkstück – sei es ein Musikstück, ein Computerprogramm, die Naht einer Wunde oder ein Holztisch – zu versinken, sei das, was die moderne (Arbeits-)Psychologie als „flow” beschreibt. Menschen in Organisationen berichten vielfach, dass sie „flow“ eher in ihrer Freizeit und nur selten bei der Arbeit erfahren. Dies mag daran liegen, dass sie das, was sie tun, nicht mehr als Handwerk erleben.

Jede Meisterschaft eines bestimmten Handwerks braucht nun andere Fähigkeiten. Um darin Meisterschaft zu entwickeln, geht es um einige wenige Fähigkeiten. Um welche Fähigkeiten geht es also bei unserer Meisterschaft der Veränderungsberatung?

Dazu schauen wir uns Deinen Lehrplan an. Von Anfang an hast Du uns Edgar Schein mit seinen 10 Prinzipien der Prozessberatung ans Herz gelegt. Vor allem das 2. Prinzip „Verliere nie den Bezug zur aktuellen Realität: Ich muss entschlüsseln können, was in mir, in der Situation und/oder im Klienten vorgeht.“ war uns Lehrmeister. Du hast es übersetzt mit: „Frau Fürst, bleiben Sie im Hier und Jetzt! Sie sind keine Managerin mehr, die mehr das ‚Dann und Dort‘ im Blick hat! Wenn die Agenda nicht taugt, werfen Sie die Agenda um!“ (Damals haben wir uns noch gesiezt. Was stets stimmig war.) Oder: „Herr Kochan, was braucht der Moment von Ihnen? Nicht die Teilnehmer, ob der Vorstand, die 2. Ebene oder die Mitglieder eines Steuerungsteams, nicht der Fachinhalt, nicht die Aufgabe, sondern alle und alles zusammen? Was braucht es im Moment, damit die unterschiedlichen Interessen verbunden werden können? Gehen Sie weg vom ‚Entweder dieses oder jenes‘ hin zu ‚Sowohl als auch‘.“

Das Ausbalancieren des Spannungsfeldes zwischen dem „Agieren im Hier und Jetzt“ und dem „Planen im Dann und Dort“ ist die große Herausforderung der Veränderungsberatung. Unsere Klienten können mit unserer Expertise zwar Veränderungen im „Dann und Dort“ planen, verändern kann sich aber nur etwas im „Hier und Jetzt“. Gebetsmühlenartig sagen wir den Steuerungs- und Leitungsteams, mit denen wir arbeiten: „Nur was bei Ihnen im Hier und Jetzt verändert, hat die Chance, auch im ganzen Unternehmen verändert zu werden!“ Das ist starker Tobak! Bedeutet es doch, dass sich die Änderungen, die „man“ sich wünscht, in den Sitzungen vollzogen werden müssen. Und wie schön ist es zu erleben, wie sich tatsächlich die Diskussionskultur in den Sitzungen ändert. Wie aus langweiligen Schlagabtauschen von Argument und Gegenargument nach und nach echte Dialoge werden, aus denen Ideen und Möglichkeiten entstehen, die vorher niemand für möglich gehalten hätte. Wie aus dem gewohnten Benennen von Defiziten ein differenzierteres Bild entsteht: „Was können wir und was machen wir gut? Und wo haben wir es versäumt zu lernen?“ Nichts Anderes sind Defizite! Nelson Mandela sagt das so schön: „I never lose. I either win or learn“.

Wir verschweigen nicht, dass das die Komplexität für uns sehr nach oben getrieben hat. Verstanden hatten wir es sofort. Eingeübt erst sehr viel später. Es hat ungelogen Jahre gedauert, bis dieses Prinzip zu unserer professionellen Gewohnheit geworden ist.

Zu Deinem zweiten Satz: „Professionelle Meisterschaft schließt dem Wesen nach die Fähigkeit ein, auf neue und ungewohnte Situationen ‚richtig‘ zu reagieren.“ Tja, das liest sich so leicht. Doch was ist „richtig“ in der Veränderungsberatung?

„Richtig“ heißt, im Sinne der Profession. So viel ist klar. Und unsere Profession der Veränderungsberatung ist es nicht, Antworten auf Fragen zu haben, in denen es ein Richtig und Falsch gibt. Das ist mehr das Feld der Kollegen aus der Fachberatung. Unser „Richtig“ ist tricky: Oft ist es richtig, sich den Lösungsideen des Klienten nicht anzuschließen, manchmal aber schon. Wenn alles schnell gehen muss, ist es manchmal richtig, langsam zu werden. Wenn alles verändert werden soll, kann es hilfreich sein, auf das zu achten, was bewahrt werden soll. Unser „Richtig“ ist also meist das, was nicht im Fokus ist, was nicht gesehen wird, in die Aufmerksamkeit zu bringen. Das, was vernachlässigt wird, stärker zu betonen. Wenn alles laut ist, leise zu werden. Wenn alles leise ist, laut zu sein. Unser Richtig ist mehr ein „Wir holen uns etwas dazu, das uns selbst zur Verfügung steht“ wie ein „Wir wünschen uns etwas, was wir aus uns heraus nicht zur Verfügung haben“. Mehr ein „Wir lassen etwas weg“ als ein „Wir gehen gegen etwas vor“.

Was haben unsere Klienten davon? Was ist die Wirkung dessen? Vielfach ist die Wirkung, dass Blockaden in Sitzungen direkt gelöst werden können. Dass Meinungsverschiedenheiten als ein Mehrwert und nicht mehr als ein Gegeneinander verstanden werden können. Dass es Erkenntnisse gibt, warum „wir so ticken, wie wir ticken – obwohl es weder uns noch unserem Unternehmen gut tut“. Und wie Du weißt, wenn die Erkenntnis da ist, gibt es kein Zurück mehr. Aber das wäre ein eigenes Kapitel. Heute wollen wir es dabei belassen.

Lieber Andy, so ist es mit Dir immer:
Du sagst uns einen Gedanken, einen Satz, und der eröffnet eine ganze Welt.

Habe Dank dafür und sei gegrüßt von Deinem Andy Duke Team.

Vorheriger Brief Eines noch
Briefe Übersicht
Vorheriger Brief Ein Brief an Andy Duke