Würde und Kapital

14. September 2018

Foto: EMH/Oliver Hoesch

Seit 50 Jahren geben Sie, die Sie die psychologische Beratungsarbeit der Evangelischen Kirche machen, jeden Tag vielen Menschen Halt und Orientierung. Dafür mein tiefster Respekt. Und so ist es mir eine große Freude, heute hier bei Ihnen sein zu dürfen. In den nächsten 10 Minuten spreche ich über Würde und Kapital – sicher ein Spannungsfeld.

Als ich mich als klinische Diplom-Psychologin entschloss aus einem festen, gut bezahlten Ganztags-job am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim zu kündigen und freiwillig einen schlechter bezahlten Job in der Marktforschung bei Honda, einem japanischen Autobauer in Frankfurt, anzunehmen, war das Unverständnis meiner Peer-Group groß. Mir wurde offen Ablehnung entgegengebracht. Die Weißen Ritter der Therapieszene, so erfuhr ich, konnten schon auch schwarze Kampfanzüge anziehen. Die Autoindustrie war nun wirklich das allerletzte: eine reine Männerwelt und fernab von ökologischer Verantwortung. Warum hast Du Psychologie studiert um das dann zu tun? Und das ohne Not! Was musst Du für ein Mensch sein? Durch die Ablehnung fühlte ich mich in meiner Würde verletzt.

Ich selbst wusste nicht, warum es mich so stark dahinzog. Ich wusste nur, ich musste das machen. Erst Jahrzehnte später erahnte ich so langsam, um was es eigentlich gegangen war.: Ich musste mich auf eine Art und Weise formen, die mich auf meine heutigen Aufgaben vorbereitet hat.
Würde. Ein merkwürdiger Begriff. Er wird in Deutschen seit dem 8 Jhd. verwendet und ist mit dem Wort „Wert“ verwandt. Anfänglich bezeichnet er den Rang, die Ehre, den Verdienst oder das Ansehen einer einzelnen Person. Denken Sie an den Würdenträger. Würde im heutigen Sinne formu-liert als erster der Renaissance-Philosoph Giovanni Pico della Mirandola im 15 Jhd. Hören Sie mal, was er den Schöpfer zu Adam sagen lässt:
„Keinen bestimmten Platz habe ich dir zugewiesen, auch keine bestimmte äußere Erscheinung und auch nicht irgendeine besondere Gabe habe ich dir verliehen, Adam, damit du den Platz, das Aussehen und alle die Gaben, die du dir selber wünschst, nach deinem eigenen Willen und Entschluss erhalten und besitzen kannst.“
Die Würde von uns Menschen gründet also darin, dass die Natur des Menschen nicht festgelegt ist. Wir Menschen haben die Freiheit, unser Wesen selbst zu formen. Diese Selbstbestimmung des Menschen macht somit unsere Würde aus. Es wird spannend sein, wie sich Künstliche Intelligenz auf unsere Selbstbestimmung und damit auf unser Verständnis von Würde auswirken wird.

Meine Entscheidung zu Honda zu gehen, war meine erste strukturierte Auseinandersetzung mit der Welt des Kapitals. Kapital. Woher kommt denn dieses Wort? Witzigerweise meinte es mal die Kopfzahl eines Viehbestandes, also das Vermögen, das jemand hat. Und dies als Gegensatz zu den frisch geworfenen Tieren, die eine Art „Zinsen“ darstellen (Zins, 8. Jh. Abgabe, Tribut. Entlehnt aus census: Schätzung, Steuer. Das Wort Kapital leitet sich also von lat. capitalis „den Kopf“ oder „das Leben betreffend” ab. Das Leben betreffend meint nämlich, dass ein Lebewesen zwar ohne Arme leben kann aber nicht ohne Kopf. Wenn es um das Haupt geht, geht es auch um Leben.

Heute wird Kapital in der Volkswirtschaftslehre definiert als Produktionsfaktor neben Arbeit und Boden. In der Betriebswirtschaftslehre ist Kapital die in der Bilanz eines Unternehmens ausgewiesenen Vermögenswerte.
Wenn wir an Kapital denken, denken wir auch an Geld. Woher kommt dieser Begriff? Ihn gibt es seit dem 8. Jhd. Der Begriff stammt von dem althochdeutschen gelt (= Vergeltung, Vergütung, Einkommen, Wert, gelten) ab. Die Bedeutung geprägtes Zahlungsmittel gibt es seit dem 14 Jhd.
Was sagt uns das? Es bedeutet, dass alle diese Begriffe in der Zeit der Renaissance in den heutigen Sprachgebrauch eingehen. Und das sagt viel aus über unsere gesellschaftliche Entwicklung. Damit sind wir bei der Soziologie. Was sagt uns die Soziologie über Kapital und Geld?
Georg Simmel ist einer der Begründer der Soziologie. Eines seiner Hauptwerke heißt: Philosophie des Geldes und erschien im Jahr 1900. Was sagt Simmel zu Geld?
„Geld ist ein Mittel in allen Reihen“, sagt Georg Simmel. „Reihe“ ist ein Kant’scher Begriff und meint Verbindungen, aus denen Geschichten und Geschichte, Kultur entsteht. D.h. es gibt keine „Reihe“, in dem Geld keine Rolle spielt. Denken Sie an Ehen! Sobald Sie an Eheschließung denken, spielt Geld eine Rolle. Und bei Scheidungen spielt Geld dann die größere Rolle als die vormals behauptete Liebe. Wie kommt es in einer Gesellschaft dazu, dass ein Mittel eine solche Verbreitung finden kann?
Die Soziologen sagen, indem es in manchen Bereichen verboten wird! Wenn bestimmte Bereiche ausgenommen werden, kann es in anderen Bereichen ohne Bedenken eingesetzt werden. Kurio-serweise hilft gerade das Verbot der Verbreitung!
In welchen Bereichen wurde Geld als Mittel nicht erlaubt?

• Seelenheil
• Liebe
• Ämter
• Organhandel

Simmel macht sich auch Gedanken über das Verhältnis von Kirche zu Geld, das ich wie folgt zusammenfasse: Es gibt eine Feindseligkeit der Kirche gegenüber dem Geldwesen. Diese liegt in der psychologischen Formähnlichkeit zwischen der höchsten wirtschaftlichen und der höchsten kosmischen Einheit. Die Formähnlichkeit sehen Sie sehr schön in der Geschichte vom Goldenen Kalb. Simmel geht so weit sogar soweit, eine Konkurrenz zwischen dem Geldinteresse und dem religiösen Interesse auszumachen. (Georg Simmel, Philosophie des Geldes, Frankfurt/Main 1989)

Wie beeinflusst Kapital Würde und wie beeinflusst Würde Kapital?
Wie trägt Kapital zur Würde von Menschen bei? Mein Vater war ein im positiven Sinn gesprochen ein stolzer Mann. Er war stolz darauf, dass er als junger Mann die würdelosen Arbeitsbedingungen im bayrischen Wald verlassen hat. Ihm war seine Würde stets wichtig – und die wurde ihm schon dadurch bestätigt, dass er so viel Geld verdienen konnte, um eine Familie zu gründen und zu ernähren.

Wenn Menschen würdevoll mit Kapital umgehen und Kapital nicht abwerten und damit entwürdi-gen, dann entsteht etwas. Wenn es als ein Zusammenspiel verstanden wird zwischen verantwortungsvollem Unternehmertum und damit, dass Unternehmen den Menschen und der Umwelt dienen und nicht dem Geld, dann entstehen Unternehmen, in denen Menschen gerne und mit Würde arbeiten. Denken Sie an die vielen Beispiele in unserer Region. Dann ist Kapital das, was es im Wortkern heißt, nämlich „das Leben betreffend“.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, das waren meine Worte zu einer möglichen Synthese von Kapital und Würde. Es würde mich sehr freuen, wenn ich Ihnen ein paar interessante Ideen mitgeben konnte. Vielen Dank.

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